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Filmreihe “Die USA und der Holocaust” Sonntag – 31/1/2016 – 19:00 Uhr

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In Laidak Boddinstrasse 42 Berlin

„Nach einer zivilisationsfeindlichen Tradition, die älter ist als Spengler, glaubt man sich dem anderen Kontinent überlegen, weil er nichts als Eisschränke und Autos hervorgebracht hätte und Deutschland die Geisteskultur. Indem jedoch diese fixiert, sich zum Selbstzweck wird, hat sie auch die Tendenz, von realer Humanität sich zu entbinden und sich selbst zu genügen. In Amerika aber gedeiht in dem allgegenwärtigen Für anderes, bis ins keep smiling hinein, auch Sympathie, Mitgefühl, Anteilnahme am Los des Schwächeren. Der energische Wille, eine freie Gesellschaft einzurichten, anstatt Freiheit ängstlich nur zu denken und selbst im Gedanken zu freiwilliger Unterordnung zu erniedrigen, büßt sein Gutes nicht darum ein, weil seiner Realisierung durchs gesellschaftliche System Schranken gesetzt sind. Hochmut gegen Amerika in Deutschland ist unbillig. Er nutzt nur, unter Mißbrauch eines Höheren, den muffigsten Instinkten“. Adorno, von dem diese Einschätzung stammt, dementiert hiermit in seinem Aufsatz „Auf die Frage: Was ist deutsch“ das Mißverständnis, er wolle das Land, welches ihm durch das Asyl das Leben gerettet hat, mit jenem, das ihn habe umbringen wollen, gleichsetzen oder gar sich darüber erheben. So ist die notwendige Kritik an der Tatenlosigkeit der Alliierten, der Hinnahme der Vernichtung der europäischen Juden, als sie noch im vollen Gange war und der Rehabilitierung der Täter in Nachkriegsdeutschland stets an diese Differenz gebunden.

Die geplante Filmreihe ist in diesem Sinne ebenso auf den humanistischen Unterschied zu Deutschland wie auf die Konsequenzen jener Schranken verwiesen, welche die Realisierung von Humanität verhinderten. Denn Adorno war kein Namen- und Mittelloser und nicht zuletzt deswegen gehörte er der kleinen Minorität an, die Schutz in den USA fand. Nicht darüber hinwegtäuschen kann die gerechtfertigte Dankbarkeit des Emigranten über die Zufälligkeit der Rettung und über den Skandal, dass Informationen über das Ausmaß und die Konsequenz der Judenverfolgung bis Januar 1944 vom State Department vereitelt und von Roosevelt ignoriert wurden. Wird dieses Versagen vor dem Hintergrund der psychischen „Unfassbarkeit“ des präzedenzlosen geschichtlichen Ereignisses im ersten Film der Reihe, dem Karski-Report von Claude Lanzmann, transparent, so zeichnet der zweite Film, Das Urteil von Nürnberg, die juristische Inkonsequenz bei der Bestrafung von Tätern zu Zeiten des Kalten Krieges nach und schildert das Unbehagen der Alliierten, den Mörder hinter dem menschlichen Antlitz noch sehen zu wollen. Im letzten Film der Reihe, Cast a Gian Shadow von 1966, einem Hollywood Blockbuster mit Starbesetzung, wird die Unterstützung Israels als Schutzraum für alle Juden der Welt – als als Konsequenz der Verlassenheit der Juden im Holocaust eingefordert und das zerrissene Selbstverständnis der amerikanischen Juden ebenso zum Thema gemacht, wie die Auswirkungen der direkten Konfrontation mit der Vernichtung bei der Befreiung der Lager durch die US-Armee. Auch dies Ausdruck des von Adorno festgehaltenen Unterschieds.

Die Filmreihe zeichnet somit in drei Etappen das Handeln und Unterlassen der US-Alliierten angesichts der Shoah nach und thematisiert die historischen Konsequenzen. Inwieweit hierbei die künstlerische Umsetzung geglückt oder misslungen, das Format der Filmform geeignet und die Historie in Übereinstimmung mit den Tatsachen dargestellt wurde, kann in einer anschließenden Diskussion besprochen werden.

Teil I:

Der Karski Report

Jan Karski, polnischer Kurier des Untergrundstaats während der deutschen Besatzung, bekam 1942 den Auftrag, die Standpunkte aller wesentlichen Vertreter der Untergrundparteien an die polnische Exilregierung in London zu übermitteln und die westlichen Alliierten über die Lage im besetzten Polen aufzuklären. In diesem Zusammenhang forderten auch zwei Vertreter des jüdischen Widerstands ihn auf, Zeugenschaft über die sich gerade zutragende Vernichtung abzulegen und ihre Forderungen an die westliche Welt und die kämpfenden Kräfte zu übermitteln. Hierfür schleusten sie ihn zuerst ins Warschauer Ghetto, später auch in ein Nebenlager von Belsezc, Isbica Lubelska, ein, wo er Augenzeuge der Vernichtungsmethoden der Deutschen wurde. Karskis Erlebnisse hielt Claude Lanzmann im Zuge seiner Dreharbeiten für „Shoah“ 1975 in zwei Interviews fest, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Karskis Haus in Washington gedreht wurden.

Der erste Teil dieses Berichts, der hauptsächlich von den Erlebnissen im Warschauer Ghetto handelt und den Karski sich, angesichts seines Wunschs die Erlebnisse zu vergessen, förmlich abringen muss, ist von Lanzmann in Shoah aufgenommen worden.

Das am darauffolgenden Interviewtag gedrehte Material wurde von Lanzmann nicht für Shoah verwandt, weil es weniger Zeugenschaft für die Vernichtung als solcher ablegt, als für die Reaktionen der Welt auf diese. So übermittelte Karski nicht nur der Londoner Exilregierung seine Berichte, sondern wurde auch von hohen Vertretern der britischen und amerikanischen Regierung empfangen, wo er die verzweifelte Lage der Juden Polens, ihre Forderungen und das, was er gesehen hatte, schildern konnte.

Dieser zweite Interviewteil, der vornehmlich das Gespräch Karskis mit Präsident Roosevelt und Felix Frankfurter zum Inhalt hat, wurde 2010 von Lanzmann zu einem eigenen Film verarbeitet. Hintergrund hierfür war nicht zuletzt das Erscheinen eines „Romans“ von Jannik Haenel, „Das Schweigen des Jan Karski“ im Jahr 2009, in dem ein imaginierter Karski das Gespräch im Weißen Haus schildert und Roosevelt als lüsternen, ignoranten Machtmenschen skizziert, der mehr am Popo seiner Sekretärin als an der Vernichtung der Europäischen Juden interessiert ist.

Lanzmann wertete dies als „Verfälschung der Geschichte und seiner Protagonisten“ angesichts derer er „beschämt und verärgert“ gewesen sei. Er versuchte, durch die Veröffentlichung des zweiten Interviews der historischen Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen.

Gezeigt werden beide Berichte:

Shoah [Frankreich 1985, Ausschnitt, ca. 40 Min., OmU]

Der Karski Report [Frankreich 2010, 49 Min., OmU]

Regie: Claude Lanzmann

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